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#Schau genau – Kunst genau betrachtet

Zurück in die Zukunft: „Lebendes Geflügel in Landschaft“

zur Ausstellung »Das Kunstmuseum Stuttgart im Nationalsozialismus. Der Traum vom Museum ›schwäbischer‹ Kunst«

Wie aus den Tiefen der Depots nach oben gespült, besitzen wir in dieser Arbeit des niederländischen Tiermalers Melchior d’Hondecoeter eine tatsächliche Trouvaille – ein veritabler Ausflug »TERUG IN DE TOEKOMST«, wie der Niederländer wohl sagen würde – in diesem Fall nur eben „Zurück in die Zukunft“ des Kunstmuseums.

Melchior d‘ Hondecoeter (1636 – 1695), Lebendes Geflügel in Landschaft, 79 x 141 cm, Öl auf Leinwand, auf Hartfaserplatte aufgezogen, mit dahintergeklebtem originalem Spannrahmen, Kunstmuseum Stuttgart.

D‘ Hondecoeter (1636 – 1695), unter anderem in Utrecht und Amsterdam nachweisbar, zeigt sich schon hier in diesem nicht signierten Ölgemälde auf Leinwand als bemerkenswerter Vertreter seines Fachs, der Tiermalerei. Melchior gibt am Rande seiner Szenen meist den Blick auf eine Landschaft frei, Versatzstücke – wie hier rechts im Bild ein antikisierendes Kapitell – oder gar ganze Architekturen verleihen der eigentlichen Handlung ihre innere Stabilität – so auch bei dieser Arbeit.

Kapitell im Hintergrund, rechts oben im Bild

Bildmittel- und Hintergrund stellt der Niederländer als eine Art Bühnenprospekt dar, vor dem ‚der Herr der Szenerie‘ seinen großen Auftritt hat; eine Diagonale, die von links unten kommend im Haupt dieses prächtigen Hahnes endet, eine zusätzlich eingeschriebene Dreieckskomposition – von den Hennen, dem Kapitell und dem Schwanzgefieder des Hahnes gestützt -, findet ebenfalls im Kopf des Protagonisten ihre Spitze. Wohldurchdachte Parallelen bilden eine weitere kompositorische Grundlage dieses kunstfertig-professionellen Bildaufbaus.

Am Rande eines Tümpels werden wir Zeuge eines kleineren Geflügel-Scharmützels, dessen Ausgang auf der Hand liegen dürfte… Eine zu Wasser agierende Ente im Prachtgewande und ein majestätisch daherschreitender Vertreter des holländischen Haubenhuhnes drohen aneinander zu geraten, die Eine sieht ihr ureigenes Revier vom Anderen bedroht; Letzterem zur Seite gestellt die Nachhut, die, sich in mächtiger Obhut wissend, auch schon die Müskelchen spielen lässt.

Alles andere Getier verkommt fast zur bloßen Staffage, gibt dem Künstler jedoch hinreichend Gelegenheit, seine große Beobachtungsgabe der heimischen Fauna äußerst versiert auf der Leinwand umzusetzen; an dieser Stelle sei besonders auf die beobachtende, statuarisch anmutende Gelassenheit des Erpels links vorn hingewiesen. Ein Übriges tut das in der Fläche insgesamt zurückhaltende Kolorit, welches in der beherrschenden Gestalt des nicht eben hühnerbrüstig daherkommenden Vorzeige-Hahnes vor stark abgedunkeltem Hintergrund einen bewußten Gegensatz findet. Alleine der Gedanke, durch das reine Weiß des Gefieders der begleitenden Henne einen deutlich kontrastierenden Fixpunkt für das Auge des Betrachters ins Bild einzuführen, zeugt von außergewöhnlichem Können.

Bemerkenswert auch die wie vereinsamt auf dem Wasser treibende Feder im Bildvordergrund… Nicht nur ein bloßer Hinweis auf Melchiors Können und Gespür für das Detail, nein, wohl schon ein delikater Vorgriff auf eines seiner Hauptwerke, ‚Die schwimmende Feder‘, im Rijksmuseum zu Amsterdam.

Feder im Vordergrund: Blick fürs Detail

In der Stuttgarter Arbeit, 1943 im hiesigen Kunsthandel erworben, begegnet der Betrachter dem tatsächlichen, prallen Leben, ein Werk fast zur Gänze jenseits des symbolischen Bedeutungsgehalts, welcher in Form von Anklängen an die Vergänglichkeit die Stilllebenmalerei der ganzen Epoche so häufig durchdringt. Ein Werk Melchiors als – noch nicht opulent angelegte – Blaupause des sich manifestierenden Standesbewußtseins seiner Zeit, ein Abbild des Zeitgeistes gewissermaßen. Noch ohne die überbordenden Exotismen, mit denen der an und in den Menagerien seiner potenten Auftraggeber geschulte Maler größten Erfolg haben sollte, stellt er doch auch hier seine handwerklichen Fähigkeiten nachdrücklich unter Beweis. In Melchior sehen wir einen Meister der Komposition, einen Magier der Farben, zu Lebzeiten nicht zu Unrecht auch ‚Vogel-Raffel‘ genannt.

Unter den zahllosen Spezialisten des Goldenen Zeitalters ist d’Hondecoeter ein herausragender Vertreter seines Genres; in einer Kunstlandschaft, die Jahr für Jahr mit bis zu 70.000 Bildern geradezu geflutet wurde, fanden seine Arbeiten als Wandschmuck Eingang in die Patrizierhäuser und großzügigen Landsitze exponierter Vertreter der Gesellschaft.

In der Stuttgarter Sammlung fast schon fremdländisch anmutend, hat dieses Werk auch aufgrund seiner Delikatesse nun in der aktuellen Ausstellung einen zwar zeitlich begrenzten, dennoch aber prominenten Platz gefunden: „TERUG IN DE TOEKOMST“ eben.

Harald Schrem

03. Juni 2020