Rundgang WÄNDE I WALLS

Ausstellungsrundgang WÄNDE I WALLS im Kunstmuseum

Auch zur aktuellen Sonderausstellung WÄNDE I WALLS  haben wir einen virtuellen Ausstellungsrundgang für Sie vorbereitet, bei welchem Sie einige Werke näher betrachen können.

Bruce Nauman: WALL WITH TWO FANS

Bruce Nauman entwickelte Anfang der 1970er-Jahre einige Installationen, die mit dem raumstrukturierenden Charakter von Wänden experimentierten. Er nutzte Wandsegmente, um die Bewegung der Betrachter:innen zu steuern und um darüber deren Bewusstsein für das räumliche Erleben zu schärfen. Dabei rückte Nauman die körperliche Wahrnehmung in den Fokus. In »Wall with Two Fans« trennt eine freistehende Wandscheibe den Ausstellungsraum in zwei Bereiche. Sie leitet sowohl den Luftstrom der beiden Ventilatoren als auch die Bewegung der Betrachter:innen. Diese müssen sich für eine der beiden Raumseiten und folglich für Rücken- oder Gegenwind entscheiden. Indem die Installation umrundet wird, werden beide Gegebenheiten nacheinander erlebbar. Die räumliche Erfahrung wird durch die gefühlten Luftströme bekräftigt und die wechselseitige Beziehung von Körper und Raum offenkundig

Yoko Ono: TELEPHONE IN A MAZE

Wände dienen in erster Linie der Errichtung von Räumen, die den Bewohner:innen ein Gefühl des Schutzes vermitteln. Wie fragil diese gesellschaftliche Übereinkunft ist, demonstriert Yoko Ono mit ihrer Arbeit »Telephone in Maze«. Sie zeigt auf, dass es sich bei dieser Deutung der Wand um ein soziales Konstrukt handelt. Für die Besucher:innen innerhalb des Labyrinths aus Acrylglasscheiben und außerhalb davon stellt sich eine spannungsvolle Situation aus Beobachten und Beobachtet-Werden ein. Der Eindruck gegenseitiger Überwachung wird durch das Telefon im Zentrum der Installation noch verstärkt. Yoko Ono verdeutlicht in diesem Werk, dass die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum weniger sicher und selbstgewählt sind, als wir dies gemeinhin annehmen. Gerade die gläserne Wand, die seit der Moderne zahlreiche Architekturen bestimmt, ist ein Symbol für Transparenz und offene Kommunikation. Genutzt wird sie jedoch ebenfalls zur Kontrolle und zur Manipulation.

Mel Bochner: MEASUREMENT ROOM: NO VANTAGE POINT

Im Stuttgarter »Measurement Room« werden die Längen der Wandflächen vermessen und die Ergebnisse auf Augenhöhe des Künstlers mit rotem Klebeband auf die Wand angebracht. Kunstwerk und Architektur fallen in eins, sodass die Begegnung mit der Arbeit ein unmittelbares räumliches Erleben ermöglicht. Die Zeichnung stellt der sonst intuitiven Abschätzung im Raum eine exakte Bestimmung gegenüber. Die Besucher:innen werden zu mobilen Mittelpunkten des Raums. Mel Bochner rückt damit die Wand als vorrangige Instanz der räumlichen Orientierung ins Blickfeld. Zudem verweist er auf eine bedeutende Veränderung in der Vorstellung von Raum. Wurde dieser lange als Container gedacht, setzte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein relativer Raumbegriff durch. Darin wird Raum als Kontinuum verstanden – definiert von Punkten, Koordinaten und Kräftefeldern. Die Beziehungen zwischen den Lebewesen [Subjekten] und den Dingen [Objekten] in einem Raum sind hierbei entscheidend. Aus dieser Idee sind soziologische Raumtheorien hervorgegangen, die die Entstehung von Raum in erster Linie auf individuelles und gesellschaftliches Handeln zurückführen.

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Anne Marie Jehle: ICH BIN DAHEIM, J.

Anne Marie Jehles Arbeit befasst sich mit dem Heim als Ort, der traditionell mit dem Weiblichen konnotiert ist. Durch die Inszenierung einer typischen Badezimmerwand mit weißen Fliesen, Waschbecken, Armaturen und dem durch eine Leinwand ersetzten Spiegel nimmt die Künstlerin einen vertrauten Raum in den Blick, in dem Intimität und die Zuweisung von Geschlechterrollen allgegenwärtig sind. Jehle setzt das Ensemble in Analogie zum eigenen Körper. Auf Höhe des Kopfes befindet sich die Leinwand mit dem handschriftlichen Verweis »Ich bin daheim, J.«. Die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Körper und Wand verwischen. Die Künstlerin suggeriert, in der Raumgrenze aufgegangen zu sein. Aus biografischer Sicht steht die Arbeit für Jehles Rückzug aus der Öffentlichkeit ab 1984. Sie arbeitete fortan mit den Materialien ihres Hauses und deutete den Begriff der »Haus-Frau« für sich um. Im weiteren Sinn ist die Arbeit eine Metapher für das Verschwinden und Gefangensein im eigenen Zuhause und damit auch für das Klischee der isolierten Hausfrau, das bis heute Gültigkeit besitzt.

Felix Schramm: OVER HORIZON HIDDEN, 2020

Felix Schramms Installationen reagieren auf den Entstehungsort: Sie werden für diesen konzipiert und basieren auf einer präzisen Beobachtung der Archi-tektur. Seine raumgreifenden Interventionen gleichen einer Sprengung des Ausstellungsraums. Die weißen Galeriewände werden durchstoßen von farbigen Wandsegmenten, die sich zu einem explosiven Gebilde schichten und verkeilen. Es ist, als ob andere Raummodelle in den White Cube eindringen und sich nicht länger hinter ihm verbergen lassen. Die bestehenden geordneten Raumstrukturen werden durch die skulpturale Setzung aufgebrochen und verändert. Der Raum wird dynamisiert. Ein Effekt, der sich für die Betrachter:innen vor allem in einer perspektivischen Destabilisierung – erzeugt durch die geneigten, gekippten und zersplitterten Flächen – bemerkbar macht

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John von Bergen: THE ANTI-PRECIOUS MOMENT

John von Bergens Arbeit »The Anti-Precious Moment« [Der nicht-kostbare Moment] suggeriert, die Auflösung eines Kunstwerks wiederzugeben. Das einstige Gebilde in kräftigem Rot verliert seine Form. Ein rüsselartiges Etwas hat die schützende Vitrine durchstoßen und saugt die Farbe auf. Dieses Etwas dringt gleichzeitig wie eine extraterrestrische Kraft in die Wand ein. Der Künstler spricht der Raumgrenze die Fähigkeit zur Verwandlung zu. Sie ist scheinbar aktiv und wird im Moment der Handlung eingefroren. Die Wand wird zur vorschießenden, ausspuckenden, aufsaugenden und belebten Materie, die an die Bildwelten des Science-Fiction denken lässt. Was hinter ihr liegt und was in diesem unbekannten Raum vor sich geht, bleibt allein der Fantasie der Betrachter:innen überlassen.

Jeewi Lee: ENTFALTUNG

Jeewi Lee stellt die Frage nach dem klassischen Tafelbild und seiner Relation zum umgebenden Raum aus einer kulturell diversen Perspektive. In Südkorea aufgewachsen und in Deutschland ausgebildet, ist die Künstlerin mit den Traditionen beider Kulturen vertraut. Sie kennt die Vorliebe des Westens für weiße Ausstellungs- und Wohnräume sowie die damit verbundenen Konzepte. Zugleich reflektiert sie das asiatische Verständnis von Raum und Architektur. Dieses basiert auf einer räumlichen Durchdringung von Natur und Kultur. In vielen asiatischen Regionen wird die Wand nicht als massive Raumgrenze, sondern als etwas Durchlässiges gedacht. Dies zeigt sich in historischen Gebäuden vor allem an dem Einsatz des traditionellen »Hanji«-Papiers [handge-schöpftes Papier aus dem Maulbeerbaum] in den Schiebetüren, Fenster- und Türöffnungen.Eine membrangleiche Anmutung wohnt ebenfalls den Paravents inne, die als wandartige Raumteiler und als Wind- und Sichtschutz in asiatischen Wohnräumen vielseitig genutzt wurden. Die Künstlerin bezieht sich in ihrer Installation aus gebrauchten, aus Korea stammenden Paravents sowohl auf die raumbildende Funktion dieser Einrichtungsgegenstände als auch auf ihre Nutzung als Bildträger. Kalligrafien, Malereien oder Stickereien zieren die Paravents. Lee führt damit ein gänzlich anderes Bildprinzip in den White Cube ein.

Sol LeWitt: ALL DRAWING #422: THE WALL IS DIVIDED VERTICALLY INTO FIFTEEN PARTS. ALL ONE-, TWO-, THREE-, AND FOUR-PART COMBINATIONS OF FOUR COLORS, USING COLOR INK WASHES

Sol LeWitt realisierte 1968 seine erste Zeichnung direkt auf einer Wand. Nach eigener Aussage habe er dadurch eine möglichst zweidimensionale Arbeit schaffen wollen. Dieser Schritt auf die Wand ist zum einen mit der traditionellen Frage nach dem Illusionsgehalt von Malerei und Zeichnung zu begründen. Zum anderen ist das Vorgehen im Rahmen der Konzeptkunst zu bewerten, die sich Ende der 1960er-Jahre entwickelte und zu deren Hauptvertretern LeWitt zählt. Konzeptkunst erklärt die Idee zum Werk, ohne dass sich diese zwangsläufig realisieren muss. Ein Grundimpuls war, dem vorherrschenden Objekt- und Warencharakter von Kunst zu entsagen und stattdessen eine »Dematerialisierung« des Werks anzustreben. Eine Möglichkeit sahen die Künstler:innen in ephemeren Arbeiten. LeWitts »Wall Drawings« sind keine transportablen Objekte. Im Ausstellungskontext bestehen sie in der Regel nur für einen begrenzten Zeitraum und werden danach übermalt.Durch die im Titel gegebenen Informationen regt LeWitt an, den logischen Aufbau der Arbeit in der räumlichen Erfahrung nachzuvollziehen. Dabei ist die Wand mehr als nur Träger der Zeichnung. Das Maß der jeweiligen Wand ist ausschlaggebend für das Aussehen und die Eindrücklichkeit des Werks

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Sophie Innmann: CHAPEL

In Sophie Innmans Arbeit »Chapel« ist die Begegnung von Betrachter:innen und Wand beiläufiger Art. Die Installation wirkt aufgrund der Bänke zunächst einladend und soll in der Ausstellung auch als Ort des Innehaltens dienen. Die Anwesenheit der sitzenden Besucher:innen wird sich jedoch über die Dauer der Ausstellung bemerkbar machen. Denn die Wand wird Patina erhalten. Das Abstützen und Anlehnen an der Wand, also die Reibung zwischen Körper und Wand, wird den hochpigmentierten blauen Farbanstrich verändern. Es werden sich Stellen des Abriebs abzeichnen und aufzeigen, wie und wo sich die Betrachter:innen bevorzugt platzieren. Die Interaktion zwischen Subjekt und Raumgrenze, die Douglas Huebler noch im Bereich der Imagination verortete, wird bei Innmann als Spur in die Wandfläche eingeschrieben. Was bleibt, ist eine ephemere Arbeit, die körperliche, räumliche und zeitliche Strukturen in sich trägt.

Abb.: Bruce Nauman, WALL WITH TWO FANS, 1970, 2 Ventilatoren, Wand, 200 × 600 cm, Sammlung FER © VG Bild-Kunst Bonn, 2021;  Yoko Ono, TELEPHONE IN MAZE, 1971/2011/2020, Acrylglas, Acrylglas verspiegelt, Metall, Holz, Telefon, 380 × 380 × 240 cm, Sammlung der Künstlerin © Courtesy of Yoko Ono; Mel Bochner, MEASUREMENT ROOM: NO VANTAGE POINT, 1969/2020, selbstklebendes Vinyl auf Wand, Maße ortsspezifisch, © Mel Bochner; Anne Marie Jehle, ICH BIN DAHEIM, J., ohne Jahr, Sanitärkeramik mit Armaturen, Fliesen, Sprühfarbe auf Leinwand, 153 × 76 × 44 cm, Leinwand 41 × 50 cm, Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz © Anne Marie Jehle; Felix Schramm,OVER HORIZON HIDDEN, 2020, Gipskarton, Holz, Farbe, Maße ortsspezifisch, Besitz des Künstlers © Felix Schramm; John von Bergen, THE ANTI-PRECIOUS MOMENT, 2001, MDF, Polymer-Gips, Plexiglas, Beflockungsmittel, Wandfarbe, 275 × 120 × 245 cm, Kunstmuseum Stuttgart © John von Bergen; Jeewi Lee, ENTFALTUNG, 2020, gebrauchte Paravents, Hanji-Papier, Maße ortsspezifisch, Besitz der Künstlerin © Jeewi Lee; Sophie Innmann, CHAPEL, 2016/2020, kontaktempfindliches, hochpigmentiertes Ultramarin, Emulsionsfarbe, Bierbänke, Besucher_innen, Maße ortsspezifisch, Besitz der Künstlerin © Sophie Innmann

Alle Fotos: Gerald Ulmann